The Elephant in the Room: »Am Königsweg« im Theater Regensburg

Zunächst ist man blind für die Gefahr. Dann ohnmächtig. Schließlich verzweifelt. Was tun, wenn das Unvorstellbare eingetroffen ist? Aufgeben? Kämpfen? Oder das Schicksal über sich ergehen lassen? Dieser Frage stellt sich die Autorin Elfriede Jelinek in ihrem Stück »Am Königsweg«. Ein Theaterstück, welches sich auf eindringlichste Weise mit dem »elephant in the room« und seinen Rundumschlägen auseinandersetzt, ohne seinen Namen auch nur einmal zu nennen: Dem 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump.

von Celina Ford und Lea Wöhl

Es war der 8. November 2016, Wahlabend in den Vereinigten Staaten. Der Abend, der entscheidend für die Zukunft unserer Politikkultur sein würde. Alle waren sich sicher, dass der gesunde Menschenverstand gewinnen und Hillary Clinton die nächste Präsidentin der USA werden würde. Doch dann kam alles anders. Als sich abzeichnete, dass der Immobilienmogul und Reality-TV-Star Donald Trump das Rennen machen würde, setzte sich Elfriede Jelinek an ihren Schreibtisch und begann mit den Arbeiten für »Am Königsweg«.

»Achtung, hier kommt der neue König!«

Ödipus mit dem blinden Seher Teiresias und den Volksstimmen.
© Theater Regensburg

Das Stück beginnt in der Antike. Ödipus, der zukünftige König von Theben, versucht die Stadt von der Pest zu befreien. Er weiß nur nicht, dass er selbst zu dem Unheil beitragen wird. Auf Teiresias, den blinden Seher, will Ödipus nicht hören. Nur keine Wahrheit hören! Und hier verbindet Jelinek geschickt Vergangenheit und Gegenwart: Niemand hört auf die Denker. Sie müssen dem Lauf der Dinge ohnmächtig zusehen. Und dann: Cut. Der Vorhang wird von zwei Bühnenarbeitern abgebaut, das Szenenbild wechselt. Ödipus versucht noch einmal kläglich sich vor dem Publikum zu erklären, worauf er nur Gelächter erntet.
Und schon sind wir in der Gegenwart. Teiresias ist nicht mehr der einzige blinde Seher. Neben ihn mischen sich weitere Volksstimmen, die das Eingetretene nicht haben kommen sehen. Es herrscht nämlich ein neuer König, sogar ein demokratisch gewählter. Er wird als Heilsbringer und Erlöser vergöttert. Doch dieser »König« ist Donald Trump. Wie um alles in der Welt soll man damit umgehen? Auch die SeherInnen, oder treffender die nun Blinden, wissen es nicht.

 

»Wir opfern uns für ihn, wir opfern uns ihm, und er wird uns Ordnung verordnen.«

Mit einem unglaublichen Gefühl für Sprache und Intertextualität versucht Jelinek eine Erklärung für Trumps Sieg zu finden. Ist es die Globalisierung, der Verlust von Gegebenheiten wie nationale Identität oder die Angst vor den großen Veränderungen der Zukunft? Gleichzeitig führt sie dem Publikum, das schizophren von Gelächter zu Gemurmel zu Angst wechselt, vor Augen, dass Trump darauf nicht die Antwort sein kann. Dieser Mann, der Milliardär und skrupellose Geschäftsmann, der das Land wie ein Unternehmen führt, kann und wird nicht der Erlöser des kleinen Mannes sein, zu welchem er sich während des Wahlkampfs stilisierte. Kann jemand wie Trump überhaupt nachempfinden, wie es sich für die Menschen angefühlt hat, während der Finanzkrise 2008 Haus und Erspartes von jetzt auf gleich ohne weiteres Zutun zu verlieren? Durch seinen unkonventionellen Regierungsstil und die Neigung erst zu reden und danach zu denken ist Trump bereits jetzt eine Ikone seiner WählerInnen. Es gibt keine Hemmungen mehr und Dank des Kurznachrichtendienstes mit dem kleinen blauen Vogel kann jeder seine Meinung kundtun – allen voran Donald Trump. Rassisten, Misogynsten, Nationalisten und Klimawandelskeptiker fühlen sich in ihren Ansichten bestärkt und endlich verstanden. Da kann man sich als Theatergänger wie Jelinek fragen, ob die Verzweiflung schon so groß ist, dass man gerne mit Scheuklappen durch’s Leben läuft und nur noch eines vor sich sehen möchte: Den Gott und Erlöser Trump, der einen mit seinen einfachen Antworten segnet.

Die Inszenierung der Inszenierung

Inga Behring, Franziska Sörensen, Jonas Hackmann und Verena Maria Bauer verkörpern diejenigen, die das Phänomen Trump nicht hatten kommen sehen. Unermüdlich suchen sie nach Antworten – oder ist es doch eher ein Ausweg aus dem Dilemma?

Können nichts sagen: die Volksstimmen.
© Theater Regensburg

Der Text ist sehr anspruchsvoll. Oftmals scheint es, als ob von einem Gedanken zum nächsten gesprungen wird. Es gibt zig Querverweise und wenn man nicht gut aufpasst, entgehen einem die kleinen Seitenhiebe und Anspielungen. Stefan Otteni hat es geschafft, dieses sehr anspruchsvolle Material gekonnt umzusetzen. Mit einem reduzierten Bühnenbild und viel Platz für die Gedanken der SchauspielerInnen ist »Am Königsweg« von Elfriede Jelinek ein Stück, dass unsere heutige politische Kultur und Wahrnehmen der Welt treffend mit einem Gefühl beschreibt: Verwirrung.

Und nachdem sich die SeherInnen hinter einer Wand von Büchern haben einmauern lassen, das Stück vorbei ist und man sich aus seinen Sitzen erhebt, fällt einem erschrocken ein: Das war ja gar kein Theaterstück. Das ist die Realität.

Informationen zu »Am Königsweg« von Elfriede Jelinek

Theater am Haidplatz, Haidplatz 8, Regensburg
Preise: 18,50€ – 20,50€
Ermäßigungen für Studierende möglich (in Verbindung mit dem gültigen Studierendenausweis)
Karten an der Theaterkasse oder telef. Reservierung unter: 09471/ 507 24 24

Weitere Infos im Netz unter: https://www.theater-regensburg.de/spielplan/details/am-koenigsweg-1/

alle Fotos: © Jochen Quast
Zur Verfügung gestellt von der Pressestelle des Theater Regensburg.

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