Hochstapelei

Meine Wohnung hat so ihre Eigenheiten. Besondere Nachbarn, ein dauerhafter Wasserschaden und Steinzeitheizungen sind nur einige. Heute stelle ich euch eine weitere Besonderheit vor.

von Lena Alt

Um euch nicht lange auf die Folter zu spannen: Unsere Wände sind absolut löcherabweisend. Klingt unspektakulär und auf den ersten Blick sicher nicht beklagenswert. Auch wir dachten uns anfangs, dass das nicht so schlimm werden würde. Auch wenn es uns geärgert hat. Aber wenn der Inhalt zweier Kinderzimmer plus Küchenutensilien, Möbeln und elterlichen Mitgebseln auf vierzig Quadratmetern Studentenbude untergebracht werden müssen, hätten Regale doch einen gewissen Charme.

Da unsere Wände aber allergisch auf Löcher reagieren, haben wir kaum Regalfläche. Klar, den ein oder anderen Regalschrank namens Billy oder Benno oder ähnlich aus einem blaugelben schwedischen Möbelhaus haben wir, der auch für einiges Platz bietet. Allerdings können Billy und Benno nur an gänzlich freien Wänden aufgestellt werden, wovon wir in unseren zwei Zimmern nur begrenzt viele haben. Schreibtische, Kleiderschrank, Bett und Sofa müssen schließlich auch irgendwo stehen. Darüber Regale anzubringen, ist eigentlich keine besonders innovative Idee und wäre äußerst platzsparend. Geht bei uns aber nicht.

Wussten wir aber nicht. Wir sind also, nachdem wir unsere vorhandenen Möbel aufgestellt haben, in besagtes Einrichtungshaus gefahren, voll motiviert, auch die letzten Reste aus unseren Umzugskartons aufräumen zu können. Wir haben uns von unseren Eltern eine Bohrmaschine ausgeliehen, eine sehr gute sogar. Haben Regale und Boxen zum Aufhängen eingekauft. Haben zuhause das erste Regalbrett ausgepackt, alles vermessen und den Bohrer angesetzt. Und haben versagt. Wir haben trotz viel Kraftaufwand einfach kein Loch in die Wand bekommen, das ein Regalbrett hätte halten können. Oder auch nur eine Feder. Oder überhaupt irgendwas. Wir haben es noch an vier anderen Stellen versucht, mit dem gleichen Ergebnis: Keine Löcher, aber halb zerfetzte Bohrköpfe und abgesprengter Putz.

Uns bleibt also gar keine andere Wahl als hochzustapeln und jedes Fach, jede Box, jedes Schubladenfach möglichst voll zu kriegen, damit möglichst wenig lose rumliegt. Tut es trotzdem, weil ich viel zu viel Zeug habe. Wenigstens regt dieser Umstand immer wieder zum Ausmisten an, aber mit Aufräumen werden wir einfach nie fertig. Wo normalerweise Regalbretter Bücher tragen, tragen unsere Bücher die Regalbretter. Geht natürlich nur mit bereits gelesenen Büchern, denn man kommt nur sehr schwer an ein Buch dran, ohne alles zum Einsturz zu bringen. Damit das Brett auch gerade liegt, müssen die Bücherstapel natürlich gleich hoch sein. Reclam-Hefte und andere Schullektüren eignen sich da ganz hervorragend zur Feinjustierung.

Inzwischen haben wir ein einziges Regalbrett mit Biegen und Brechen in unsere Wand gehämmert. Das Resultat: Ein blauer Zehennagel, zwei abgebrochene Fingernägel und drei Tage Muskelkater. Dieses eine Regal muss jetzt all meine Bücher (leider wirklich viele), die ich noch nicht gelesen habe, halten. Mein Freund und Mitbewohner hält mich deshalb von jedem weiteren Buchkauf ab, aus Sorge, die Wand könnte auch dieses mühsam aufgehängte Regal früher oder später rigoros von sich weisen.

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