Mein Lieblingsbuch | David Mitchells: Cloud Atlas

Der letzte Satz des Romans ist gelesen, die Geschichte ist vorbei. Doch was nun? Soll ich dieses Buch anfangen, oder jenes? Für alle, die sich nicht entscheiden können, ist der 2004 erschienene Roman Cloud Atlas von David Mitchell die perfekte Lektüre. Sechs Geschichten werden in sechs verschiedenen Genres auf über 500 Seiten erzählt. Der Roman ist jedoch keine Sammlung von Kurzgeschichten, sondern ein zusammenhängendes Wunder mit einer eindringlichen Botschaft: Alles ist verbunden.

Von Celina Ford

Ein literarisches Kaleidoskop

Um den Roman wirklich wertschätzen zu können und nicht verunsichert über 500 Seiten zu irren, muss man verstehen, dass die Erzählungen wie ein Kaleidoskop aufgebaut sind. Das bedeutet, dass die ersten fünf Geschichten jeweils bis zur Hälfte erzählt werden, die sechste Geschichte in der Mitte des Romans jedoch auf einmal. Danach erst werden die restlichen fünf Geschichten zu Ende erzählt. Und nicht nur das: Obwohl die Geschichten an sich relativ geschlossen sind, beeinflussen sie einander. Mal mehr, mal weniger, jedoch immer auf eine faszinierende Art und Weise.

Schlägt man nun Mitchells Roman auf, befindet man sich zunächst in den 1850er Jahren. Die erste Geschichte trägt den Namen Das Pazifiktagebuch des Adam Ewing und erzählt in Tagebuchform von dessen Überseefahrt von den Chatham-Inseln nach San Francisco. Kern der Handlung ist die Freundschaft zwischen Ewing und einem Moriori, der sich als blinder Passagier auf dem Schiff versteckt. Briefe aus Zedelghem folgt als zweite Geschichte und spielt im Jahr 1931. Robert Frobisher ist ein junger, ambitionierter Komponist und arbeitet für den alten und kranken Komponisten Vyvyan Ayrs auf seinem Anwesen in Belgien. In Briefen an seinen Liebhaber Rufus Sixsmith berichtet er über die künstlerische Beziehung zu Ayrs und seiner Arbeit an einem Sextett, dem Wolkenatlas, der namensgebend für den Roman ist. Bezugspunkt zur ersten Geschichte ist das Tagebuch von Adam Ewing, welches als Buch erschienen ist und von Frobisher gelesen wird.

Halbwertszeiten, Luisa Reys erster Fall bietet dem Leser im Anschluss eine spannende Kriminalgeschichte, in der die Journalistin Luisa Rey den Pfusch an einem Reaktorbau im Jahre 1975 in Kalifornien aufdecken will und sich selbst in große Gefahr begibt. Die Verbindung zu Briefe aus Zedelghem ist Rufus Sixsmith, der als Wissenschaftler am Bau beteiligt ist und Rey auf die Gefahr aufmerksam macht. In Das Grausige Martyrium des Timothy Cavendish liest der Verleger Timothy Cavendish Luisa Reys Geschichte in Buchform, während er sich vor Geldeintreibern versteckt. In seiner Verzweiflung wendet er sich an seinen Bruder, der ihn jedoch in ein Altersheim steckt. Cavendish Geschichte handelt von seinem Fluchtversuch und wird als eine Art Memoire und Vorlage für ein Drehbuch erzählt. Sonmis Oratio ist die wohl tiefgründigste Geschichte in Mitchells Roman. In Protokollform wird die Geschichte des Klons Sonmi-451 im dystopischen Korea der Zukunft und ihr Kampf für die Freiheit erzählt. Als Inspiration für ihren Widerstand dient ein Auszug aus der Verfilmung des Fluchtversuchs von Timothy Cavendish.

Die letzte und nicht aufgespaltene Erzählung ist Sloosha’s Crossin’, die nach der Apokalypse in ferner Zukunft spielt. Die Menschen sind zu einem steinzeitlichen Zustand zurückgekehrt und sprechen eine neue Sprache. Es gibt keine Technologie mehr, Sonmi-451 wird als Göttin verehrt und ihr Protokoll gilt als die neue Bibel. Protagonist der Geschichte ist der Hirte Zachry, der Meronym, einer Gesandten des letzten technisierten Volks der Prescients, bei ihrer Suche nach weiteren Zivilisationen hilft.

Alles ist verbunden

Der Roman schafft es, trotz seiner unterschiedlichen Geschichten und Genres eine fundamentale Botschaft zu vermitteln, nämlich, dass alles miteinander verbunden ist. Das Leben hört mit dem Tod nicht auf, sondern beeinflusst das vieler anderer Menschen. Auch das Thema Reinkarnation ist ein Leitmotiv, da jeder Protagonist ein kometenförmiges Muttermal besitzt und so als die gleiche wandernde Seele betrachtet werden kann. Obwohl die Figuren in unterschiedlichen Gesellschaften, Zeiten und Umgebungen agieren, werden sie alle mit den gleichen Hindernissen konfrontiert und müssen sich gegen eine Form der Unterdrückung auflehnen.

Allen, die sich gerne mit philosophischen Fragen beschäftigen und eine Herausforderung beim Lesen nicht scheuen, kann ich dieses Buch nur herzlichst empfehlen. Und wer nach dem Lesen noch nicht genug von Cloud Atlas hat, wird an der Verfilmung große Freude finden.

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