Ein Abschied

Ein Wohnheim im Regensburger Osten, in dem tagsüber des Öfteren eine Klosterschwester den Müll durchwühlt oder den Eingangsbereich mit Beschwerden über die gewissenlosen, Joghurt-Becher-nicht-auswaschenden Bewohnerinnen zupflastert. Junge Männer, die sich morgens beim aus dem Haus Schleichen gegenseitig erwischen. Eine laute Straße. Ein Abschied.

Von Regina Polster

Es war im Sommer 2017, als ich nach langer Suche endlich auf dieses moderne und gleichzeitig bezahlbare Wohnheim stieß. Nach einem Jahr in einer zwar lustigen, aber viel zu chaotischen WG sehnte ich mich danach, mein kleines aber feines Kämmerlein nur für mich zu beanspruchen – mein Dreck, meine Handtücher, mein Platz. Nur weibliche Bewohnerinnen? Kein Problem. Mülltrennung großgeschrieben? Nur zu. Kein Besuch nach Mitternacht? Also wie jetzt – gar kein Besuch? Nicht mal meine Schwester? Ach so, doch, die gerne. Auch alle anderen Die’s. Nur keine Der’s. Keine Männer eben, weil da bekommen die anderen Bewohnerinnen Angst. Ah. Macht zwar keinen Sinn in einer Welt, in der ja dann doch etwa jeder zweite Mensch, dem man auf der Straße, am Arbeitsplatz oder an der Uni begegnet, männliche Geschlechtsmerkmale aufweist, aber sei’s drum. Die Klosterschwestern müssen ja doch ein gewisses Image aufrechterhalten.

Statt Partykeller besitzt dieses Wohnheim einen Gebetsraum, der ab und zu auch mal kurzzeitig vermietet wird, wenn jemand sehr, sehr dringend auf der Suche ist. Jedes Stockwerk verfügt über eine Gemeinschaftsküche, wobei die meisten eher die Kochnische in ihrem Zimmer bevorzugen. Überhaupt war es in meiner Zeit hier eher ein seltenes Erlebnis, einer anderen Bewohnerin zu begegnen. Anonymität, die aber ja letztlich auf Gegenseitigkeit beruht – dass ich erst nach über einem Jahr mitbekommen habe, dass es eine Facebook-Gruppe gibt und ich dieser bis heute nicht beigetreten bin, lag wohl auch in meinen Händen.

Spannend war es trotzdem immer: Jede Woche hing eine neue Beschwerde von Schwester Burgi am Schwarzen Brett oder lag wahlweise gemeinsam mit nicht fachgerecht gereinigten Plastikbehältern auf dem Flurboden. Jedes Mal, wenn man in den Trockenraum stiefelte, um seine hoffentlich trockenen Klamotten einzusammeln, war erstmal Haufen durchwühlen angesagt, weil irgendwer alles abgehängt hatte. Mit mindestens einem Teil weniger, als man ursprünglich zum Trocknen aufgehängt hatte, ging es dann zuzüglich dem Vorsatz, nie wieder seine Wäsche hier zu waschen, zurück ins Zimmer. Herrlich.

Aber da gab es auch den netten Bruder von Schwester Burgi, der als einziges männliches Wesen im Haus wohnen darf, weil er das Haus in Stand hält. Er war mir wirklich oft eine Rettung: Sei es die nasse Wäsche, die nach Ablauf der Zeitmünze drohte, in der Maschine zu verschimmeln; oder ein freudiges Verschließen der Wohnungstür, das mit der Klinke in der Hand und einer unsanften Landung am Boden endete, während der Freund mangels eines Parkplatzes in der Bushalte-Ausbuchtung auf ein baldiges Erscheinen wartete. Es gab die sommerlichen Joggingrunden zum nahegelegenen Villapark, die in Zukunft dann um einiges länger ausfallen müssten, um den gleichen Ausblick genießen zu können. Es gab Fahrradstürze auf dem nächtlichen Weg nach Hause durch den unbeleuchteten Weg zwischen den Schrebergärten, der als Abkürzung diente.

Letztlich überwog jedoch der Wunsch nach ruhigem Schlaf, was an einer vielbefahrenen fünfspurigen Straße schonmal zum Wunschtraum wird – nicht einmal ein Jahresvorrat an Ohrstöpseln konnte da noch helfen. Und so heißt es tschüss Schwester Burgi, tschüss, katholischstes Wohnheim, in dem ich wohl je gewohnt haben werde. Tschüss, Wohnsinn. Erst einmal.

Neues aus dem katholischen Osten wird es nicht mehr geben – dafür berichtet Selina in der nächsten Woche wieder von ihren Abenteuern in vier Wänden.

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