Der, dessen Namen keiner kennt

Neues Semester, neue Mitbewohner. Das kann vor allem in jenen Wohnheimen im Süd-Westen Regensburgs interessant werden, deren Flurgrößen gerne einmal die 10-Anwohner-Marke überschreiten. Angesichts einer doch recht hohen Mitbewohner-Fluktuation, wundert es da kaum, dass der Kontakt zu den Flur-Nachbarn größtenteils recht sporadisch ausfällt. Und doch gibt es immer diesen Einen oder diese Eine, der oder die einen besonderen Fall von Menschen-Meidung darstellt.

Von Lotte Nachtmann

Auf unserem Flur heißt dieser Geist Voldemort. Und nein, das liegt nicht daran, dass der arme Mensch keine Nase oder besonders durchtriebene Charakterzüge besitzen würde. Er ist einfach der Mitbewohner, »dessen Namen keiner kennt« . Diesen ersten Spitznamen hatte ich ihm gegeben, als ich angesichts meines siebartigen Namensgedächtnisses seinen tatsächlichen Vornamen innerhalb von Sekundenbruchteilen wieder vergessen hatte, nachdem er sich mir vorgestellt hat. Soweit passiert das ja schon mal, wenn man sich zu Beginn des Semesters mal wieder die Namen von dutzenden Kommilitonen merken soll, die dann zwei Wochen später wieder unter die Kategorie ‘Ich-kenne-Dich-aber-woher?’ fallen. Auf dem Campus ist das mit den Namen vielleicht nicht so wichtig, aber seine Mitbewohner korrekt ansprechen zu können, hätte schon was für sich – und sei es nur der Höflichkeit wegen. Nach meiner standardmäßigen Namens-Amnesie, hatte ich noch meine Hoffnungen darauf gesetzt, dass sich ‘der Mitbewohner, dessen Namen keiner kennt’ irgendwann einem anderen Nachbarn auf meinem Flur vorstellen würde und ich mich so aus der Affäre ziehen könnte. Dem war, wie sich jetzt bestimmt jeder von Euch denken kann, nicht so: Auch meine anderen Mitbewohner fragen sich – drei Wochen nach Semesterstart – immer noch, wie er heißt. So haben wir irgendwann beschlossen, endgültig auf das liebevolle Pseudonym ‘Voldemort’ umzusteigen, da wir – ähnlich wie Harry Potter – den Namen ‘Der, dessen Namen wir nicht kennen’ auf Dauer als etwas zu lang erachtet haben.

Voldemort selbst zeigt aber auch keinerlei Ambitionen, das Geheimnis um seine Identität zu lüften. Mehrmals schon, so berichteten meine Mitbewohner, sei er an ihnen vorbei gelaufen, oder hätte etwas aus der Küche geholt, hätte eventuell auch gegrüßt, es aber nie für nötig gehalten, sich vorzustellen. Da hatte ich wohl noch das Glück, von einem Anfall der Redseligkeit und Kontaktfreudigkeit seinerseits zu profitieren. So wird Voldemort wahrscheinlich immer dieser Flurgeist bleiben, dem man höchstens über den Weg läuft und der dann immer mindestens genauso schnell wieder verschwindet, wie sein Name aus meinem Gedächtnis.

Falls sich irgendwann das Namens-Geheimnis um Voldemort lüften sollte, gebe ich Euch natürlich auf diesem Wege Bescheid. Das könnte aber vermutlich noch einige Kolumnen dauern, also freut Euch erstmal auf Neuigkeiten von Lena nächste Woche!

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