Fenster zum Hof

Die lieben Nachbarn, wem fällt dazu keine Geschichte ein. Im Kasernenviertel hat Lena so viele Nachbarn und Geschichten zur Auswahl, dass sie sich kaum entscheiden kann. Lest selbst, welche Einblicke sie durch ihr Fenster zum Hof so bekommt.

Heute möchte ich euch einige meiner Nachbarn vorstellen. Diejenigen von euch, die auch im Kasernenviertel wohnen, werden wissen, dass einem hier jedes nur erdenkliche menschliche Wesen über den Weg laufen kann. Wobei »über den Weg laufen« bei den Bewohnern dieses Hauses eigentlich schon zu viel gesagt ist. Ich wohne hier nun zwei Jahre, und ich kenne zwei von ihnen mit Namen, und vielleicht eine Handvoll vom Sehen. Die Gesichter der Maler, die über die Jahre die Hauswand gestrichen haben, sind mir wesentlich geläufiger. Versteht mich nicht falsch, ich gehöre nicht zu der Sorte Mensch, die den ganzen Tag auf dem Balkon steht und nur darauf wartet, Spannendes über ihre Nachbarn zu erfahren, auch wenn es diese Spezies in diesem Haus selbstverständlich auch gibt.

Der Meister (oder die Meisterin?) im »Sich-Nicht-Zeigen« ist unser direkter Balkon-Nachbar. Wir sind uns nur deshalb sicher, dass dort jemand wohnt, weil etwa monatlich die Wäsche auf dem Balkon wechselt und von Zeit zu Zeit die Fenster offen sind. Doch nicht mal in dem Moment, in dem das Fenster sich öffnet, sieht man einen Arm oder etwas ähnliches, was das Fenster öffnen könnte. Gruselig, oder?

Mit unserer anderen direkten Nachbarin wäre es wohl ähnlich, würden wir uns nicht mit ihr das WLAN teilen. So sehen wir sie einmal im Monat, wenn sie uns ihren Anteil gibt, doch sonst scheint auch sie ein stilles Leben zu führen, zumindest was ihre Wohnung angeht. Die Einzige, von der wir sehr viel, fast schon zu viel wissen, ist die ältere, etwas schrullige Dame, die direkt gegenüber wohnt. Sie redet gerne sehr laut mit den Zeugen Jehovas auf dem Flur, unmittelbar vor unserer Wohnungstür. Dank der hellhörigen Wände bekommen wir davon alles mit. Sie vergisst auch gerne mal ihre Schlüssel und bestellt dann mitten in der Nacht den Schlüsseldienst. Diese hellhörigen Wände können eine echte Qual sein.

Was ich an unserer Wohnung am meisten liebe, ist der Balkon zum Innenhof. Damit scheine ich aber recht allein zu sein. Es gibt sehr viele andere Balkone um diesen Innenhof, aber nur sehr wenige sehen so aus, als bekämen sie die Liebe, die ein Balkon verdient. Selten lässt sich auf ihnen jemand blicken. Einige sind bepflanzt, die Hälfte davon allerdings so, als hätte Jahre niemand mehr die armen Blumen gegossen. Die andere Hälfte wird von durchaus verdächtig aussehenden Pflanzen bewuchert, die den ständigen Grasgeruch im Flur erklären könnten. Absolut faszinierend am Innenhof ist allerdings kein Balkon: Jeden Tag zieht ein älterer Herr mit ausgeblichener Cap in grauer Jacke (im Sommer auch mal nur im Karo-Hemd) auf seinem roten Fahrrad seine Kreise. Stundenlang fährt er unermüdlich immer wieder um den Innenhof. Dieser hypnotisierende Anblick hat mir bisher noch jede Prüfungsphase beim Prokrastinieren geholfen. Das ist allerdings bei Weitem nicht das seltsamste, was dieser Innenhof schon erlebt hat: Eines Morgens, so um acht Uhr, kamen wir plötzlich in den unverhofften (und ehrlich gesagt auch unerwünschten) Genuss einer lauten Schlagerparty. Anderthalb Stunden schallten Helene Fischer und Co. durch den Hof. Der Urheber war leicht zu überführen, anhand der weit geöffneten Fenster (bereits fünf Minuten nach Beginn des Konzerts waren alle anderen Fenster zu): unser unsichtbare Nachbar mit der wechselnden Wäsche. Nun kennen wir zwar immer noch kein Gesicht zu der schwarzen Bettwäsche auf dem Wäscheständer, aber wenigstens den Musikgeschmack.

 

Das war’s für heute aus dem Kasernenviertel. Nächste Woche meldet sich hier Regina wieder mit Neuigkeiten von Schwester Burgi.

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