Ungewaschene Joghurtbecher und andere Skandale

Auch diese Woche geht der »Wohnsinn« weiter! Lehnt euch zurück, freut euch aufs Wochenende und begleitet Regina in ihr katholisches Mädchenwohnheim und zu Schwester Burgi.

Mülltrennung ist zweifellos eine wichtige Sache für die Umwelt. Noch wichtiger ist sie jedoch für Schwester Burgi, die regelmäßig in meinem katholischen Mädchenwohnheim nach dem Rechten sieht. Die ersten Anzeichen dafür brachte schon der Besichtigungstermin bevor ich einzog: Mit einer faszinierenden Ausdauer klärte sie mich über die Kunst der Mülltrennung auf: Das muss in den gelben Sack, das nicht und DAS erst recht nicht. Wie des Öfteren deutlich wurde, hielt sie dieses Gespräch nicht ohne Grund für notwendig: Immer wieder seien wohl Joghurtbecher nicht sauber, Papiermüll falsch zerkleinert oder jemand hatte tatsächlich sein Essiggurkenglas nicht ausgewaschen, bevor sie es in den Glascontainer hinter dem Haus schmiss.

An jenem Glascontainer schien Schwester Burgi während ihren Kontrollbesuchen extra viel Zeit zu verbringen: Sie wies aufgrund der vielen leeren Weinflaschen auf den erhöhten Alkoholkonsum der jungen Mädchen hin. Besonders eines habe ihrer Meinung nach schon die Kontrolle verloren, regelmäßig kämen Flaschen von ihr. Es war mir völlig schleierhaft, wie sie anhand der Flaschen ihre ehemaligen Besitzer identifizieren konnte – aber für Schwester Burgi war die Sache längst klar: Unter uns lebt eine Alkoholikerin.

Als wäre es nicht schon eklig genug, sich regelmäßig durch die Glascontainer zu arbeiten, stellte sich schon während meiner ersten Wochen im Wohnheim heraus: Schwester Burgi macht auch keinen Halt vor den gelben Säcken. Nein, sie stürzt sich förmlich in die Tiefen des Plastikmülls, den etwa siebzig – in ihren Augen ziemlich schlecht erzogene – Studentinnen in Sammelsäcken stockwerkweise zusammentragen. Und was sie findet, gefällt ihr oft nicht. Dann scheut sie keine Mühen, uns ihre skandalösen Funde zu unterbreiten.

Sie drapiert diese meist mitten im Eingangsbereich des Wohnheims, daneben Schilder mit herzzerreißend traurigen Smileys und der Aufforderung, jemand möge doch bitte diesen Joghurtbecher ordentlich auswaschen (es befindet sich wohl noch ein kleiner Rest Joghurt im Inneren des Gefahrenobjekts). Fast wie kleine Kunstinstallationen wirken diese Hinweise. Und wie das bei Kunst oft so ist, weicht das anfängliche Interesse bei Zeiten einer allgemeinen Gleichgültigkeit und man fängt an, damit zu leben, regelmäßig dramatisch in Szene gesetzte Gläser und Becher auf dem Flur zu treffen.

Noch nie habe ich eine von uns dabei erwischt, den Auftrag auf dem Zettel zu erfüllen und den zur Schau gestellten Gegenstand ordnungsgemäß zu säubern, sowie anschließend zu entsorgen. Aber das schuldet vielleicht auch der Tatsache, dass man in diesem Haus sowieso selten jemandem über den Weg läuft – dazu jedoch ein andermal mehr. Irgendwann jedenfalls ist das Schild wieder weg, wie auch immer es mit dem jeweiligen Verdachtsgegenstand weiterging.

 

Mir lag Mülltrennung schon vor meinem Einzug ins Wohnheim am Herzen. Davon, dass jeder Becher und jedes Glas blitzblank sein muss und so nochmal eine Menge Trinkwasser verbraucht, bevor es im Müll landet, bin ich jedoch immer noch nicht wirklich überzeugt. Trotzdem ertappe ich mich dabei, die nicht ganz sauberen Joghurtbecher unter anderem Müll zu verstecken. Denn wenn Schwester Burgi schon weiß, wer hier welche Weinflasche entsorgt, wer weiß, ob sie nicht dem nächsten Neuling von der Joghurtbecher-Übeltäterin berichtet.

 

Das war’s erst einmal von Schwester Burgi. Nächste Woche nimmt euch Yvonne an dieser Stelle mit in die Studentenstadt Pentling.

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