Gastbeitrag: Begegnung mit dem Glauben

Gemeinschaft und Gottesdienst: Von Koch-Abenden über spannende Weltjugendtage im Ausland bis hin zu intensiven Diskussionen und Vorträgen über beispielsweise das Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaft und Glaube – die katholische Hochschulgemeinde der Uni Regensburg (KHG) hat einiges zu bieten.

von Julia Eiber

In der Kirche ist es bis auf die Lichtfelder, die die Fenster auf den Boden malen, stockfinster. Ein paar Schritte hinter dem verschnörkelten, schmiedeeisernen Tor lassen sich die Stufen, die in die Wolfgangskrypta hinabführen, nur ertasten. Kerzen auf den Säulenkapitellen tauchen das Gewölbe in ein schummriges Licht. Die Besucher des ökumenischen Nachtgottesdienstes sitzen dicht aneinander auf Holzklappstühlen. Ihre Hände umfassen durchsichtige Plastikbecher mit kleinen weißen Kerzen darin. Eine Blockflöte beginnt zu spielen. Hochschulpfarrer Hermann Josef Eckl steht am Altar und begrüßt die Gemeinde, die erste Kerze wird entzündet und ihr Licht weitergereicht. Der Pfarrer zitiert Matthäus 11,5 – die Antwort Jesu auf die Frage, ob er der Erlöser sei: »Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.« Pastoralreferentin Rena Ströher kommt zu dem Schluss, »jeder muss sich die Antwort selbst geben«. Sie spricht das kriegserschütterte Aleppo und persönliche Schicksalsschläge an, die Zweifel am Erlöser aufkommen lassen. Lesungen, Fürbitten und Taizé-Lieder wechseln sich ab. Mit jeder Strophenwiederholung singen sich die Menschen mehr in Trance, eingehüllt in eine angenehme Klangwolke, getragen von einem Gefühl der Verbundenheit.

Drei Stunden haben die Mitglieder der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) gekocht: nun warten ein riesiger dampfender Eintopf und ein Blech mit überbackenem mediterranen Gemüse darauf, dass sich die hungrigen Gäste des Gemeindeabends auf sie stürzen.
Beim Essen plaudern Maria* und Tanja* über ihre Erlebnisse beim Lasertag, Lisa* berichtet vom Stand ihrer Chemie-Doktorarbeit. Am Tisch nebenan unterhalten sich die Theologen.

Die KHG als Plattform für wissenschaftliche Vorträge

Hermann Josef Eckl, den hier alle Hermann nennen, sieht in der Motivation Studierender, sich der KHG anzuschließen, hauptsächlich folgenden Grund: »Sie alle eint die Suche nach einem Raum, in dem sie ihren Glauben leben können, ohne dass sie sich ständig vor anderen erklären müssen. Das Studienfach spielt dabei keine maßgebliche Rolle. Möglicherweise ist der Anteil der Theologiestudierenden etwas höher, was ich persönlich jedoch nicht glaube«. Die KHG sei eine offene Gemeinschaft ohne Beitrittspflicht, die sich auch um die Integration von Ausländern bemühe. »Es gibt schon ein paar internationale KHG-Pärchen«, fügt er schmunzelnd hinzu. Neben Gottesdiensten und Freizeitaktivitäten sei die KHG auch eine Plattform für wissenschaftliche Vorträge über den Konflikt zwischen technischem Fortschritt und ethischer Verantwortung.

Christina*, Studium Grundschullehramt mit Fach Katholische Theologie, hat als Jugendliche in ihrem Heimatort Hainsacker die Ministrantengruppe geleitet. »Mein Vater, der selbst nie studiert hat, hat mir andauernd von seinen KHG-Zeiten vorgeschwärmt.« Sie erwähnt die »Jugend 2000«, eine internationale katholische Jugendbewegung, die Prayerfestivals und Nightfever-Abende organisiert, mit dem Ziel der Neuevangelisierung von Regionen, die sich vom christlichen Glauben entfernt haben. In besonderer Erinnerung sind ihr die Weltjugendtage in Madrid und Krakau geblieben. »Nach Krakau sind wir mit einer Gruppe von 130 Leuten gefahren, es war eine großartige Stimmung trotz des schlechten Wetters!« Auf die Frage, ob Luthers Kritik an der damaligen Kirche auf die heutige Zeit übertragbar sei, sagt sie, dass es durchaus Reibungspunkte zwischen der Kirchenlehre und ihrem persönlichen Glauben gebe, »zum Beispiel in der Dogmatik, da haben sogar die Uni-Dozenten unterschiedliche Ansichten. Es gibt Dinge, die man letztendlich nicht wissenschaftlich beweisen kann. Eine Mathevorlesung ist der totale Gegenpol dazu.«

Luther als Vorbild

Die Feiern zum Lutherjahr bieten die Chance, sich abzuwenden vom U-Boot-Christentum, von Religion als schmückendem Beiwerk, und sich hinzuwenden zum Glauben als Lebensgrundsatz. Als couragierter Verfechter seiner Meinung über bestehende Konventionen hinweg, dient Luther heutzutage als Vorbild für junge Menschen, sich dem Anpassungsdruck der eigenen »peer group« zu widersetzen. In unserem »postfaktischen« Zeitalter ermutigt er mit seiner wissenschaftlichen Herangehensweise an Glaubensfragen und Skepsis gegenüber Autoritäten dazu, sich als mündiger Bürger selbst auf Quellensuche zu begeben, um nicht auf die marktschreierische Tatsachenverdrehung der Trumps und Höckes dieser Welt hereinzufallen. Eine Gefahr bei den Lutherfeiern besteht jedoch darin, in reine Verklärung abzurutschen und seine Überzeugungen zum zeitlosen Dogma zu erheben. Seine Verachtung gegenüber gesellschaftlichen Randgruppen wie »Hexen« und »Zigeunern«, Muslimen und Juden sind dem in seiner Zeit als selbstverständlich angesehenen absoluten Wahrheitsanspruch des Christentums, nicht rassistischen Ressentiments oder wirtschaftlichem Kalkül, geschuldet. Dieses Unfehlbarkeitsdenken zu überwinden ist Teil einer erfolgreich weitergeführten Reformation, die im Wortsinne der Erneuerung stets ihre eigenen Prinzipien kritisch hinterfragt.

* Namen geändert

Beitragsbild: Sarah Marcinkowski

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