»Denken, schmecken, Welt bewegen«

Schnippeldisko, Eat-Ins, faire Lebensmittel: Phoebe Ploedt, Schulleiterin der Montessori-Schule in Essing, ist seit Jahren aktiv bei Slow Food Youth Regensburg. Im Interview erklärt sie uns, was genau hinter dem Projekt steckt und wie wir besser essen können.

slowfood_phoebe
Foto: DESIREE ROESSLER

Phoebe, was ist Slow Food Youth und was bedeutet es für dich, mit dabei zu sein?

Slow Food Youth wird oft wahrgenommen als eine Vereinigung von Leuten, die gutes Essen schätzen und sich zum Wein trinken verabreden. Eigentlich hat es aber auch noch eine sehr wichtige politische Dimension, die Slow Food Youth versucht wieder in den Vordergrund zu rücken. Vor allem aber geht es um den einzelnen Menschen: darum, dass der Einkaufswagen jedes Einzelnen sehr wohl die Welt verändert. Durch das Einkaufen kann man sehr wohl Einfluss nehmen. Du entscheidest mit deinem Einkauf, wem du dein Geld gibst. Gibst du es lieber einem großen Agrarkonzern oder doch lieber einem kleinen Bauern aus der Region? Durch das Erklären der Zusammenhänge beschäftigen wir uns auch mit kulturwissenschaftlichen Themen: Wie man es schafft, dass die Produkte des kleinen Bauern vom Lande in die Stadt kommen und sie dort jeder erwerben kann. Dadurch haben sich viele Initiativen entwickelt, die mit Hilfe von Apps oder Onlineplattformen, wie zum Beispiel Food Sharing, versuchen, in diesem Punkt weiterzukommen und die Bevölkerung zu erreichen.

Vor einigen Wochen hat die zweite Schnippeldisko in Regensburg stattgefunden. Was konnte man da erleben?

So eine Schnippeldisko besteht eigentlich aus drei Teilen. Zuerst wird geerntet: Dazu fährt man zu den Bauern und informiert sich, welches saisonale Gemüse momentan geerntet werden kann. Die Zutaten werden eingesammelt und dann mitgenommen. Teil zwei ist dann das Schnippeln selbst, der eigentliche Hauptteil. Es gibt eine Hygieneschleuse, bei der sich jeder Teilnehmer erst einmal die Hände wäscht, um die Sauberkeit beim Verarbeiten des Gemüses zu gewährleisten. Dann geht es weiter zur Ausgabe, bei der man eine große Kiste voller Gemüse, Schäler, Brett und Messer bekommt — und dann geht’s los. Man schneidet und schält, solange man Lust hat; begleitet wird das Ganze von entspannter Musik zweier DJs, die auch bei unserer ersten Schnippeldisko in Regensburg schon dabei waren. Wenn die Kiste fertig ist, gibt man sie an der dafür vorgesehenen Stelle ab, bekommt einen Belohnungsbutton und eine neue Kiste Gemüse.

Eat-Ins: Welches Ziel verfolgt ihr mit euren Veranstaltungen?

Wir versuchen den Menschen zu zeigen, dass man sehr wohl etwas bewegen kann und man als einzelner Mensch Einfluss hat. Viele Menschen sind schockiert von den Bildern aus Ländern, in denen großer Hunger herrscht. Warum ist eine krumme Karotte oder eine Kartoffel mit einer kleinen schlechten Stelle weniger wert als das normierte Gemüse im Supermarkt? Es wird einfach viel zu viel weggeworfen. Die heutige Gesellschaft vermittelt uns, dass unästhetische Lebensmittel nicht mehr verwenden werden können. Dieses Wissen und das Bewusstsein für Essen versuchen wir eben mit der Schnippeldisko und den Eat-Ins zu vermitteln. Bei den Eat-Ins teilen und tauschen Teilnehmer ihre mitgebrachten Lebensmittel untereinander. Es geht um das gemeinsame Essen und Diskutieren. Und es geht darum, diese Kultur des Essens wieder zurück ins Bewusstsein zu holen und klar zu machen, welchen Wert Lebensmittel haben.

Kartoffeln

»Gut. Sauber. Fair.«  Was bedeutet euer Motto?

Das ist der internationale Slogan von Slow Food ins Deutsche übersetzt. Diese drei Stichwörter sind Kriterien, die jeder bei den Lebensmittel ansetzen sollte, die er verzehrt. Es gibt natürlich Unterschiede zwischen den Nahrungsmitteln: An gutes Fleisch setzt man ganz andere Maßstäbe als an gutes Brot; letztendlich entscheidet das jeder für sich. »Sauber« dagegen ist relativ klar definiert. Bei dem Wort »Sauber« geht es grundlegend um die Inhaltstoffe eines Produkts. Alle Zutaten müssen sauber deklariert sein, damit der Kunde auch weiß, was er da überhaupt zu sich nimmt. Das »Fair« in unserem Motto beschreibt die Produktionsbedingungen. Gute Lebensmittel müssen einen bestimmten Preis haben, um alle Kosten abzudecken. Doch da Discounter wie Aldi oder Lidl die Preise extrem nach unten drücken, verlieren wir Menschen den Blick auf die Realität und berücksichtigen nicht, wie viel letztendlich hinter dem Preis steckt und wer vielleicht auf der Strecke bleibt.

Faires und gesundes Essen ist in vielen Köpfen gleichgestellt mit BIO …

Wir sehen das eigentlich gar nicht so. Natürlich ist es schön, wenn ein Produkt das BIO-Siegel hat. Allerdings: Das EU-BIO-Siegel ein sehr weiches Siegel. Es ist gut, wenn ein Produkt dieses Siegel hat, jedoch heißt es nicht, dass der Apfel gänzlich frei von Spritzmitteln ist. Trotz allem ist es gut, dass diese Plakette eingeführt wurde, auch wenn noch Luft nach oben ist. Unabhängig von diesem Siegel ist die Herkunft des Produkts. Du bekommst heute BIO aus Israel, Argentinien oder Ecuador, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Leider weiß man oft nicht, wie in diesen Ländern gearbeitet wird. Außerdem ist unter bestimmten Klimabedingungen der Wasserverbrauch extrem hoch, will man bestimmtes Produkte anbauen. Wir importieren diese und nehmen so den Einheimischen in den Ländern das Wasser quasi doppelt weg. Auf der anderen Seite kann es im Winter besser sein, Äpfel aus Neuseeland zu importieren, statt Äpfel vom Bodensee zu kaufen, da wir unsere Gewächshäuser im Winter heizen müssen – und somit wieder der Umwelt schaden. Am besten wäre es, sich nach dem Saisonkalender zu richten und nur saisonales Obst und Gemüse aus Deutschland zu kaufen. Ein solcher Saisonkalender sollte in jeder Studentenküche hängen.

Es gibt Menschen, die sich teure Bio-Lebensmittel nicht leisten wollen oder auch gar nicht können. 

Bei diesem Thema geht es ja vor allem um die Wertigkeit. Wenn man verstanden hat, was hinter dem Produkt steht, entwickelt man Respekt und denkt auch intensiver darüber nach. Zum Beispiel verändert sich die Sicht auf ein Kilo Grillfleisch drastisch, wenn man die Schlachtung des Tieres miterlebt hat. Letztendlich muss natürlich jeder selbst für sich entscheiden, welchen Wert Essen für einen hat. Die Deutschen geben prozentual gesehen sehr wenig Geld für ihre Lebensmittel aus. Sieht man sich einmal an, wie viele Menschen – vor allem auch viele Studenten – in der Stadt ein Auto besitzen und dieses selbst bei kurzen Strecken dem Fahrrad vorziehen, ist es verwunderlich, dass sich die meisten nur Fleisch von Aldi leisten können oder wollen, weil sie angeblich knapp bei Kasse sind: Da beginnt dann wieder die Diskussion der Wertigkeit. Dreimal mehr mit dem Fahrrad oder Bus fahren – und man kann sich bei der nächsten Studenten-Grillparty ein tolles Steak leisten, das fantastisch schmeckt. Denn einen Unterschied schmecken kann man bei Fleisch definitiv. Genau hier wollen wir mit unseren Aktionen wie den Schnippeldiskos ansetzen, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen und sie zum Nachdenken zu bewegen. Sich Wissen anzueignen darüber, wie bestimmte Preise zustande kommen, kann den Blickwinkel eines Menschen sehr verändern.

Ihr seid eine von zehn Gruppierungen von Slow Food Youth. Wie nimmt Regensburg die Ideen eurer Initiative an?

Mein Gefühl ist, dass sich in Regensburg wirklich was tut und ein Umdenken stattfindet. Nach unserer ersten Schnippeldisko beim Bürgerfest 2013 wurde ich oft angesprochen,  der Bayerische Rundfunk hat damals sogar eine Reportage gesendet. Viele Leute fanden toll, was wir machen – haben aber oft gefragt, wie man das alles im eigenen Alltag umsetzen könne.

Wie kann man Slow Food denn im Alltag umsetzen?

Alleine oder in einem Zwei-Personen-Haushalt ist es schwierig zu bewerkstelligen. Mein Motto ist da eigentlich immer »Sich zusammentun«. Ich rate den Menschen, Freunde, Familienmitglieder oder Bekannte mit ins Boot zu holen, um gemeinsam einkaufen zu gehen usw. Ganz viel hängt von der Planung ab. Als erstes gilt: Immer den Saisonkalender im Blick behalten, um zu entscheiden, was denn gekocht, gebacken oder eingemacht wird. Ansonsten sollte man sich fragen: Gibt es Händler, die mir meine Waren liefern können? Gibt es Märkte in meinem Umkreis? Wer von unserer »Gemeinschaft« kann dort einkaufen gehen? Irgendwann entstehen feste Strukturen, die sich komplett in den Alltag integrieren; man kennt die Produzenten und Bauern, von denen man sein Fleisch und sein Gemüse kauft. Das gemeinsame Kochen ist dann der Spaßfaktor an dem Ganzen.

Was wünscht du dir für die Zukunft von Slow Food Youth?

Mein Wunsch ist, dass die Menschen unsere Aktionen wahrnehmen. Das ist eher ein kurzfristiges Ziel, bei dem aber meiner Meinung nach schon etwas ganz Wichtiges passiert. Längerfristig gesehen wäre es wichtig, auch weil ich ja selbst Lehrerin bin, das Thema in die Lehrpläne der Schulen zu integrieren. Auch an den Universitäten, die unter anderem agrarwissenschaftliche Studiengänge beheimaten, möchten wir gerne präsent sein. Kann man die Ideen in Bildungsstätten säen, kommen sie letztendlich auch im Alltag des Einzelnen an.

Schreibe einen Kommentar