stories | Nachbarn

Die Treppe knarrte unter Gregors Schritten. Zum sechsten Mal hatte er den Weg vom Auto in den ersten Stock zurückgelegt.

„Mit leichtem Gepäck durchs Leben gehen“, dachte er vor sich hin, schon den ganzen Tag, und ihm wäre beinahe die siebte und letzte Kiste aus der Hand gefallen, als neben ihm jemand die Tür aufriss.schreibwerkstatt

„Ah, der neue Nachbar. Herzlich willkommen! Ich bin der Adam, das ist Hans.“

Gregor starrte auf die schlaffe Zunge des Schäferhundes, in Gedanken war er noch bei seinem Umzugs-Mantra. Er stellte die Kiste ab, um den Handschlag zu erwidern.

„Danke, ich hab schon alles hochgebracht, hab kaum Sachen, das Apartment ist ja möbliert.“

Gregor kannte das Geräusch seiner Türklingel noch nicht und erwartete auch niemanden. Erst als es klopfte und jemand rief: „Ich bin’s, der Adam“,  öffnete er.

„Wow, schon alles eingeräumt, ganz schön fix!“, staunte der Nachbar beim Reinkommen. Im gleichen Moment stieg Gregor intensiver Hundegeruch in die Nase.

„Kanntest du den Vormieter wohl gar nicht?“

„Ach ja stimmt, war ja schon eingerichtet. Ist etwas direkt, du bist ja gerade erst hergezogen, aber ich dachte, ich könnte mir vielleicht ein Stück Butter von dir leihen?!“

 

Gregor hatte sich extra eine Studienpause verordnet, um erstmal seelisch in der neuen Wohnung anzukommen. Am nächsten Morgen machte er sich auf den Weg, das neue Viertel zu erkunden. Wieder fing ihn Adam an der Tür ab.

„Hi! Gut, dass ich dich treffe!“

„So ein Zufall“, dachte Gregor und schmunzelte, schaltete aber schnell zurück auf sein konstant freundliches Lächeln.

„Ich fahr später zum Metzger. Ich hol ein paar extrem gute Weißwürste. Magst auch welche?“

Gregor wehrte sich vergeblich. „Es macht mir keine Umstände, ich geh doch sowieso“…“Die sind wirklich gut!“…“Komm schon, nur ein Paar wenigstens.“…“Egal, ich bring dir einfach welche mit, die musst du probieren! Warte kurz, ich geh auch gleich runter. Hans!“

Im Vorraum von Adams Wohnung bemerkte Gregor die Fingerabdrücke um den Türspion.

 

Sie saßen in Gregors Küche. Es hatte ewig gedauert, das Wasser auf die richtige Temperatur zu bekommen.

„Du spielst E-Gitarre, ja?“

„War ich zu laut?“, stutzte Adam und hob den Blick vom Weißwurst-Teller zu Gregor.

„Ich sag’s dann schon, kein Problem.“ Gregor lächelte und spürte Schmerzen im Unterkiefer.

 

Er ignorierte die Türklingel so oft er konnte. Immer bevor er die Wohnung verließ, lauschte er für einen kurzen Moment am Eingang, ob Adam gerade im  Flur war.  Ab und zu trafen sich die beiden auf der Straße. Adam fragte dann meistens: „Warst du im Urlaub, ich hab gar nichts von dir mitgekriegt.“ Viel zu tun gehabt, jetzt auch voll auf dem Sprung, Hauptsache schnell weg, bevor Hans mit der Riesenzunge auf ihn losging. Diese sabbernde Zunge und der schrecklich faule Mundgeruch!

Eines Abends gegen elf läutete es, Gregor blickte stur in seinen Monitor. Erst nach langem, stürmischen Klingeln riss er die Tür auf. Vor ihm Adam mit zitternder Unterlippe: „Hans ist tot!“

Beim Anblick der verzerrten Mundwinkel seines Nachbarns übermannte Gregor ein mächtiges Schamgefühl.

„Adam, wie gibt’s denn sowas? Äh, komm erstmal rein.“ Eine Zwickmühle aus Mitleid und Pflichtbewusstsein.

„Er muss vergiftet worden sein. Ich hab’s erst letzte Woche im Fernsehen gesehen, wie einer den Hund seines Nachbarn vergiftet hat.“

Gregor hatte den gleichen Beitrag gesehen. Der Opener hieß ‚Das Lieblings-Hobby der Deutschen: Nachbarschaftskrieg‘.

„Aber wer würde denn so etwas tun?“, fragte er. Sie öffneten eine Flasche Johnny Walker. Beide tranken schnell und viel. Als nichts mehr übrig war, konnte sich Adam kaum noch aus dem Sitzkissen heben. Er wechselte ständig zwischen Heulen und grölendem Lachen.

„Weissu Gregor. Bin schon wieder richdisch gut drauf. Auch wenn Hans nimmer da is. Verdammte Scheiße, verdammte! Aber ich bin richdisch gut drauf. Hab ja jetzt dich.“

 

Text von Nils Ringler

In der Schreib­werk­statt ver­fas­sen Stu­die­rende der Uni bei Pro­fes­sor Jür­gen Dai­ber Kurz­ge­schich­ten und Prosa. Sie ver­öf­fent­li­chen Texte in der Laut­schrift und tra­gen am Semes­ter­ende ihre Texte bei ei­ner öffent­li­chen Le­sung vor.

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