stories | Der Turm

Paris. Die Stadt der Architektur. Louvre, Arc de Triomphe, Eiffelturm. Schon als Kind wurde Thomász Burnou von diesen Meisterwerken angezogen, doch wirklich geprägt hatte ihn eine biblische Geschichte: Der Turmbau zu Babel.


schreibwerkstatt

Er erkannte die volle Herrlichkeit in dem Bestreben, mit einem Turm den Himmel zu erreichen. Deshalb schrieb er sich in Architektur ein und schloss sein Studium zwei Jahre früher als üblich ab. Er arbeitete wie besessen und kaufte sich ein Stück Land, nicht weit vom bewundernswerten Paris entfernt. Der Turm wurde zu seinem Projekt, mit dem er es sich und allen anderen beweisen konnte.

Thomász baggerte und schaufelte ohne Schlaf finden zu können. Er hatte sich seinem Traum verschrieben. Das Fundament stand innerhalb von zwei Monaten, getränkt von seinem Schweiß. Sobald der Beton getrocknet war, zog er mit Kränen ein riesiges Gerüst auf. Erde, Sand und Kies füllten den Turm, so stabil, dass keine Macht der Welt an ihm rütteln konnte. Ruhelos und allein arbeitete Thomász und verteilte das Blut seiner aufgerissenen Hände über den künstlichen Berg. Der Turm wuchs. Wie Unkraut sog er all die Nährstoffe auf, die ihm Thomász gab, und wucherte in die Höhe. Nun konnte er auf Paris hinab blicken.

Als Maschinen die Steigung nicht mehr erklimmen konnten, schleppte der Architekt die Materialien mit einem Karren nach oben. Seine Füße, übersät mit Blasen, fluteten den Aufstieg und er gab nicht auf. Er arbeitete weiter. Jahr für Jahr, Tag und Nacht. Der Turm prägte den Himmel und doch war Thomász nicht am Ende. Als Knopf für einen Lastenaufzug diente seine linke Brustwarze. Anstelle von Seilen nahm er Haare, die er sich an sämtlichen Stellen ausriss. Ein fallender Fels riss ihm das linke Ohr ab, doch er ignorierte dies einfach. An wichtigen Stellen benutzte er statt Nägel seine Finger oder Zähne. Eine Lücke wurde mit einer Niere gestopft.

Über zwanzig Jahre schuftete er am Turm, zog eine Spur seines Körpers darüber und war der Gebieter über sein Werk. Paris war nur noch ein ferner Punkt, doch wen interessierte Paris? Thomász war immer noch nicht zufrieden.

Der Wind blies zum Angriff gegen den Turm, Wolken brandeten gegen die Mauern. Entsetzt erkannte Thomász, wie der Turm zu schwingen begann. Erst wenig, dann mit größerer Amplitude. Der Architekt sah das Loch, das die Stabilität des ganzen Werkes in Gefahr brachte. Ohne zu zögern schnitt er sich das Wadenbein heraus und stopfte den Hohlraum. Der Wind blies weiter, doch der Turm stand.

Es vergingen weitere Jahre und der bekrückte Thomász zweifelte an seinem Wert. Er erinnerte sich nicht einmal an den Namen der Stadt dort unten. Da durchstieß ein Balken das Schwarz des Alls und gab Thomász die Sicht auf den einen Himmel frei. Engel besangen die Beharrlichkeit des Architekten, Licht umhüllte ihn wärmend. Thomász hatte jedoch kein Interesse daran, denn sein Werk war noch nicht am Ende. Sein schiefes Rückgrat, von der Last des Turmes verbogen, stemmte weiter Stein um Stein. Der Turm, ein riesiges, rotes Ungetüm, wuchs. Thomász hatte nur Augen und Ohren für die Reihen, die Stabilität und doch hoffte er, dass der Turm zusammenbrechen und endlich alles beenden würde.

Weitere Zeit verstrich. Er schlief, wenn er in Ohnmacht fiel, gab sich nicht einmal die Mühe, zu essen. Schließlich setzte er eine goldene Pyramide auf die Spitze. Er betrachtete den Turm. Er stand stabil, reichte weit über den Himmel hinaus. Er trug eindeutig das Siegel von Thomász, bestand er doch aus ihm. Trotzdem fehlte irgendetwas. Das Gold konnte nicht das Ende sein! Thomász blickte an sich herunter. Seine rechte Hand besaß nur noch Daumen und Zeigefinger, die linke war während der Jahre verschwunden. Kleidung oder Haut waren Luxus, die sein offenes Fleisch sich nicht leisten konnte. Da kam ihm die Idee. Er riss sich mit einer schnellen Bewegung den rechten Augapfel aus der Höhle und setzte ihn auf die goldene Pyramide. Es war perfekt. Thomász Burnou fiel auf die Knie, blickte in die gähnende Tiefe und schrie: „Ich bin fertig!“

Text von Reinhard Rund

In der Schreib­werk­statt ver­fas­sen Stu­die­rende der Uni bei Pro­fes­sor Jür­gen Dai­ber Kurz­ge­schich­ten und Prosa. Sie ver­öf­fent­li­chen Texte in der Laut­schrift und tra­gen am Semes­ter­ende ihre Texte bei ei­ner öffent­li­chen Lesung vor.

 

Schreibe einen Kommentar