Grenzsituation Übergang

Ist das Studium geschafft, steht eine große Veränderung an: der Sprung ins Berufsleben. Die Lautschrift holt sich Ratschläge.

Die Protagonisten

Caroline Peters
Caroline Peters hat in Regensburg BWL studiert und ist nach ihrem Abschluss nach Mexiko ausgewandert. Dort arbeitet sie als Dozentin an der Tecnológico de Monterrey in Aguascalientes – aber nur, weil sie nichts anderes gefunden hat. (Foto: privat)
Johannes Drees
 Johannes Drees (29) ist Zahnarzt an der Berliner Charité. Er hat in Regensburg studiert. (Foto: privat)
Susanne Krones
Susanne Krones (34) ist Lektorin beim Luchterhand Literaturverlag und Dozentin für Angewandte Literaturwissenschaft an der Universität Regensburg. Sie hat Literaturund Politikwissenschaft und Buchwissenschaft in Berlin und München studiert. (Foto: Heike Bogenberger)

Grenzen im Studium

Peters »Das Studium war stressig und anstrengend, besonders wenn man Nebenjobs aufnehmen muss, um etwas Geld zu verdienen. Meine Grenzen habe ich dann erreicht, wenn sich die Semesterferien in Luft aufgelöst haben wegen Klausuren, Praktika oder Auslandsaufenthalt und die Arbeit dann nahtlos weitergeht.«Drees »Das Zahnmedizinstudium war sehr anstrengend, sowohl körperlich als auch psychisch. Meine psychischen Grenzen habe ich ausgelotet und oftmals auch fast überschritten.

Gerade im zweiten Abschnitt war ich unter der Woche ganztags beschäftigt. Durch den Leistungsdruck, der sich in den semesterübergreifenden Kursen aufbaut, ist man ständig gefordert und kommt selten zur Ruhe. Ein nichtbestandener Kurs würde die Wiederholung des ganzen Semesters bedeuten. Daher kamen nicht nur ich, sondern auch viele andere, regelmäßig gegen Ende des Semesters, an ihre Belastbarkeitsgrenzen.«

Krones »Ich bin an Grenzen im Sinn von Herausforderungen gestoßen. Schon der Studienbeginn macht einem ja deutlich, dass Studieren nicht einfach nur eine Fortsetzung von Schule ist, sondern ein ganz eigener Abschnitt.«

Studium als Vorbereitung auf den Beruf?

Peters »Nach meinem Studium habe ich an einer mexikanischen Privatuni Internationale Politik, Kritisches Denken und Deutsch unterricht – mein Studium hat mich auf diese Herausforderung wenig vorbereitet. Inhalte aus dem Studium konnte ich bisher noch nicht einsetzen. Doch ich habe zwei Auslandsaufenthalte in Mexiko gemacht, die mich kulturell und sprachlich auf meine Arbeitsstelle vorbereitet haben.«

Drees »Das Studium hat mich ziemlich gut vorbereitet. Der Beruf des Zahnarzts ist handwerklich orientiert, deshalb wurde uns schon ab dem ersten Semester praktisches Wissen vermittelt. Aber es gibt ein Dilemma: Üben muss man am lebenden Patienten. Diese Eingriffe sind aber meist unumkehrbar: Studenten kann man nicht den Bohrer in die Hand drücken, ohne vorher Dutzende Male geübt zu haben.«

Krones »Ja, mich hat mein Studium vorbereitet. Man ist allerdings selbst dafür verantwortlich, die Praxiskomponenten in sein Studium zu integrieren. Damit sollte man rechtzeitig anfangen – und die Universitäten sollten Studierende auch stärker dazu anhalten. Das Selbstverständnis, die Aufgaben und Funktionen von Verlagen werden sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten verändern – und deshalb sollte man in jedem Fall auch einen digitalen Schwerpunkt setzen.«

Grenzen im Beruf

Peters »Die einzige Grenze, die ich nennen könnte, hat mit der Arbeitsauffassung in Mexiko zu tun. Während der Arbeitszeit wird versucht, möglichst alles stressfrei und gelassen anzugehen, dafür ist es aber auch selbstverständlich, Nachtschichten einzulegen oder an Konferenzen bis um 24 Uhr teilzunehmen. Zudem sind solche Veranstaltungen meistens nicht im Voraus geplant, sondern man wird spontan aufgefordert, länger zu bleiben.«Drees »Im Berufsalltag erreiche ich praktisch jeden Tag meine Wissensgrenzen. Die (Zahn-)Medizin ist einfach ein zu umfangreiches und komplexes Gebiet, um in jeder Situation mit ihren unendlich vielen Variablen perfekt vorbereitet zu sein. Deshalb vergeht kein Tag, an dem ich nicht mal ein Fachbuch aufschlagen muss oder einen Kollegen zu Rate ziehe. Auch sind fünf Jahre viel zu kurz, um ein so umfangreiches und sich ständig weiterentwickelndes Gebiet perfekt beherrschen zu können.«

Grenzen überwinden?

Peters »Die Arbeitsbedingungen als Dozentin sind schlecht: Ich bekomme umgerechnet 180 Euro im Monat – davon kann ich gerade mal das Benzin bezahlen. Deshalb werde ich meine Stelle aufgeben und nach Deutschland zurückkommen. Ich hoffe, dass ich so näher an meinen Traumberuf komme. Bisher habe ich Angebote von Unternehmensberatungen und Firmen erhalten, die mir eine Stelle im Finanzund Controllingbereich anbieten. Auch wenn Gespräche mit den Personalreferenten noch ausstehen, werde ich diese Chance nutzen, um nach Deutschland zurückzukommen.«

Drees »Die meisten Grenzen lassen sich dadurch überwinden, dass ich mir zusätzliches Wissen aneigne und Fachgespräche mit Kollegen führe. Jedoch ist es in einem Heilberuf, bei dem es um Gesundheit von Menschen geht, wichtig, die eigenen Kompetenzen anzuerkennen und zu wissen, wann der Fachbereich eines anderen Kollegen beginnt und der eigene endet. Gerade im Gesundheitsbereich kann man im Vorfeld bei Weitem nicht alles Berufsrelevante erlernen. Um so wichtiger sind die ersten Berufsjahre, in denen man anschließend sein Wissen festigt und vertiefen kann. Zum Glück gab es in meinen neun Monaten, die ich berufstätig bin, noch nicht allzu viele Momente, in denen ich an meine persönlichen Grenzen gestoßen bin.«

Und im Rückblick?

Peters »Wenn ich die Studienzeit mit der Arbeitszeit vergleiche, blicke ich mit etwas Nostalgie zurück, immerhin ist es die Zeit, in der man die größtmögliche Freiheit genießt, sich selbst bestimmen kann und seinen eigenen Weg einschlägt.«

Drees »Retrospektiv könnte ich das Studium nicht noch einmal mit derselben Motivation absolvieren. Aber das ist ja glücklicherweise nicht mehr nötig. Mein ursprünglicher Plan war das Humanmedizinstudium, das mir jedoch zulassungsbedingt verwehrt geblieben ist. Aus dieser Not heraus habe ich mein Glück mit der Zahnmedizin probiert. Die Option, es doch in der Humanmedizin zu versuchen, habe ich mir immer offen gehalten. Irgendwann war ich jedoch soweit fortgeschritten, dass ein Wechseln keinen Sinn mehr gemacht hätte.«



Interviews: Caroline Deidenbach, Sabrina Mönig

Das Special: Ausführliches Interview mit der Lektorin Susanne Krones

Susanne Krones
Foto: Heike Bogenberger
Wenn man Krones im Unterricht erlebt, versteht man, warum für sie der Beruf der Lektorin genau der Richtige ist. Mit ihrer ruhigen Art und ihrer Ausstrahlung schafft sie es, die Studenten in einem Raum von jedem Buch zu überzeugen. Susanne Krones, 1979 geboren, lehrt seit 2007 Angewandte Literaturwissenschaft an der Universität Regensburg. Sie studierte Literaturund Politikwissenschaft an der Humboldt Universität in Berlin und im Anschluss Buchwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München, seit 2012 ist sie Lektorin beim Luchterhand Literaturverlag.

 

Sind Sie während Ihres Studiums an Grenzen gestoßen?

An Grenzen im Sinn von Herausforderungen natürlich, ja. Schon der Studienbeginn macht einem ja deutlich, dass Studieren nicht einfach nur eine Fortsetzung von Schule ist, sondern ein ganz eigener Abschnitt.

Machen Sie diese Erfahrung im Beruf immer noch und wie gehen Sie damit um, wenn Sie an Grenzen stoßen?
Herausforderungen gibt es natürlich auch im Beruf. Die bewältigt man genauso wie die während der Studienzeit: sich nicht lähmen lassen von der Größe einer Aufgabe, sondern Schritt für Schritt darauf zu zu gehen sich mit Kolleginnen und Kollegen austauschen und sein Netzwerk so dicht knüpfen, dass es sich im Ernstfall tatsächlich als Netz und doppelter Boden erweist. Wenn ich mich umhöre, sind im Beruf unsichtbare Grenzen schwieriger zu bewältigen als sichtbare Herausforderungen.

Was haben Sie während Ihres Studiums gemacht, um sich Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verschaffen?
Die einzige Grenze, die ich wirklich empfunden habe, ist die, am Ende eine Entscheidung treffen zu müssen, weil das Studium in Verbindung mit der richtigen Praxiserfahrung so viele unterschiedliche Türen öffnen konnte.

Haben Sie Praktika gemacht?
Ja, während meines Studiums, nicht danach. Drei Verlagspraktika und zwei Zeitungspraktika, aus denen jedes Mal weitere Aufträge – eine regelmäßige Tätigkeit als freie Journalistin, gelegentliche Verlagsgutachten – hervorgingen.

Hat Ihr Studium Sie gut vorbereitet auf Ihren Beruf, oder finden Sie, dass man da etwas ändern sollte?
Auch wenn die Antwort ungewöhnlich sein mag: Ja, es hat mich vorbereitet. Man ist allerdings selbst dafür verantwortlich, die Praxiskomponenten in sein Studium zu integrieren. Damit sollte man rechtzeitig anfangen – und die Universitäten sollten Studierende auch stärker dazu anhalten. Inzwischen sollte man in jedem Fall auch einen digitalen Schwerpunkt setzen, also zum Beispiel professionelle Erfahrung mit Social Media oder digitalen Produktionsprozessen im Bereich E-Book, Enhanced E-Book und App. Das Selbstverständnis, die Aufgaben und Funktionen von Verlagen werden sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten verändern.

Was ist besonders wichtig, wenn man Lektorin werden möchte?
Ein Plan B, denn die Chance, dass es klappt, ist nicht allzu groß. Und damit es klappt: Neugier. Lesebegeisterung, was das Buch, aber auch was Zeitungen, Zeitschriften und Onlinemedien einschließt. Durchhaltevermögen. Fremdsprachen.

Gab es für Sie noch eine Alternative zu Ihrem jetzigen Beruf?
Journalistin, Hochschullehrerin, Autorin. Zur Leipziger Buchmesse 2014 wird mein Buch „Tonspur. Wie ich die Welt von gestern verließ“ erscheinen, die wahre Geschichte eines junges Mannes, der die DDR im Sommer 1989 über die ungarisch-österreichische Grenze verlassen hat.

Was macht für Sie den Beruf der Lektorin aus: was ist das Schöne , was das Schwierige?
Die Verbindung von Kultur und Markt, von Tempo und Genauigkeit, von persönlicher Betreuung von Autoren und Büchern und professioneller Distanz machen diesen Beruf ungemein reizvoll. Genau das macht ihn natürlich auch schwer. Es ist ein Spagat.

Ist Lektorin ein Job, den man vor allem alleine macht oder arbeiten Sie auch viel im Team?
Auch wenn der Beruf dem Anschein nach viel von konzentrierter, einsamer Schreibtischarbeit zu haben scheint, bedeutet er doch auf allen Ebenen Teamwork mit den Kolleginnen und Kollegen aus Herstellung, Marketing, Vertrieb, Presse und Veranstaltungen.

Interview: Sabrina Mönig

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Und dann kam der Praxisschock: Ein Therapeut im Gefängnis

Die wenigsten Studenten wissen schon während des Studiums, was sie beruflich machen möchten. Auch Martin Neuberger nicht. Nach zwei Semestern Jurastudium konnte er sich keinen juristischen Berufsweg vorstellen und schrieb sich deshalb für ein einjähriges Studium Generale am Tübinger Leibniz Kolleg ein. Das gab ihm den Anstoß zum Psychologiestudium an der Uni Regensburg. Heute arbeitet er als therapeutischer Abteilungsleiter im Gefängnis.

Nach seinem Diplomabschluss war der Übergang zum Berufsalltag schwierig. Die enge Zusammenarbeit der Uni mit dem Bezirkskrankenhaus bereitete ihn auf den Beruf vor – allerdings nur theoretisch: »Zwar besitzt man den notwendigen Hintergrund für das wissenschaftliche Arbeiten, allerdings ist das, was ich jetzt hier tue, so spezifisch, dass mich die Veranstaltungen nicht ausreichend darauf vorbereitet haben.«

Die tatsächliche Arbeit in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Straubing beschreibt Neuberger als Praxisschock. Das Gefühl, nicht gut genug vorbereitet zu sein, stellte sich schnell ein. Durch Improvisation und das Bilden von Analogien gelang es ihm, diese Grenze zu überwinden. »An der Uni habe ich zwar nicht gelernt, Aktenvermerke zu verfassen, aber dafür einen sachlich-nüchternen Schreibstil beim Anfertigen von Experimentalberichten. Daran konnte ich gut anknüpfen.« Nachdem sich der erste Schreck gelegt hatte, fiel Neuberger auf, dass »bestimmte Themen immer wieder auftauchen und man erst mit der Zeit feststellt, was man eigentlich schon alles weiß«.

Im Umgang mit den Häftlingen war Spontaneität gefragt. Obwohl Neuberger seine Arbeit als recht frei und ungebunden betrachtet, musste er von Anfang an Grenzen setzen: den Gefangenen und sich selbst. Täglich muss er aus Selbstschutz ein professionelles, distanziertes Arbeitslevel einhalten und nicht zu viel von sich preisgeben. Und auch Abends nach einem stressigen Tag zieht er eine klare Grenze zwischen Arbeit und Privatleben: durch kleine Rituale, wie beispielsweise Klamotten wechseln oder nicht zu viel im privaten Umfeld über das Berufliche reden.

Ob Neuberger die emotionale Distanz gegenüber den Fällen, die er bearbeitet, auch nach mehreren Jahren im Berufsleben so beibehalten kann, kann er nicht einschätzen. Im Hinblick auf die extremen Kriminalfälle, die in der JVA Straubing betreut werden, dürften noch Grenzsituationen auf ihn zukommen.

Und trotz all dieser Hürden, mit denen Neuberger täglich zu tun hat und von denen er die viele selbst aufstellen muss, hat der Beruf für ihn viele schöne Seiten. »Insofern kommt er meinem Traumberuf schon nahe«, erklärt er. Und das, obwohl er zu Studienbeginn noch gar nicht wusste, dass es ihn gibt.

Text: Anna-Magdalena Haßkerl

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